R. C. SmithOld Stories in German

Schöpfung

English translation: Creation

In der einen Richtung erstreckt sich der Urwald; sein Boden ist Sumpf, seine Bewohner sind die tödlichen Tiere, er hat keine Lichtungen, und niemand hat ihn je durchqueren und zurückkehren können. In der anderen Richtung erstreckt sich der Berg; er ist aus bloßem scharfem Fels, kein Leben kann auf ihm exisiteren, es hat keine Täler, und niemand hat je zu seinem Gipfel aufsteigen können. In der dritten Richtung schließlich, dem Berg und dem Urwald gegenüber, liegt das Meer; von dort kommen die Stürme, seine Wellen sind hoch wie die Bäume, niemand hat je ein anderes Ufer gesehen, aber im Meer leben die Fische. Dort, wo der Urwald, die Felsen und das Meer zusammentreffen, ist der Platz der Menschen, und an’Ha ist ihr Gott. an’Ha, der alles geschaffen hat, hat die Menschen geschaffen als Krönung seines Werkes.

an’Ha hat den Urwald geschaffen, dessen Sumpf den verschlingt, der auf die Stelle tritt, die ihn gestern noch sicher getragen hat, den Urwald, dessen Tiere aus dem Boden kriechen, sich von den Bäumen herabwinden, aus dem Dickicht hervorschnellen, die Fleisch aus dem Körper reißen und verschwinden, und deren Gift den Menschen lähmt, bis die anderen Tiere kommen, ihren Hunger zu stillen; den Urwald, dessen Schlingpflanzen und dessen Dornengestrüppe rascher wachsen können, als der Mensch sie mit seinem Messer durchschlagen kann, die den Weg versperren, während der Boden unter den Füßen sich in Sumpf verwandelt, und die tödlichen Tiere den Menschen umkreisen.

an’Ha hat den Berg geschaffen, dessen Wände oft in der Höhe mehrerer Bäume senkrecht emporsteigen oder auch überhängen, den Berg, dessen mächtige Felsen von Sprüngen durchzogen sind, so dass der Stein, der einen sicheren Halt zu bieten scheint, mit dem Kletterer in die Tiefe stürzt, den Berg, von dem der Sturm stets Steinlawinen löst, die nicht nur den Kletterer erschlagen, sondern oft auch bis auf den Platz der Menschen stürzen, die Häuser einschlagen, den Menschen die Glieder zerschmettern; den Berg, dessen Felsen sich bewegen, und plötzlich Spalten öffnen, in die der Mensch stürzt, der eben noch auf festem Stein gegangen ist, oder die den zerdrücken, der sich gerade durch einen engen Durchgang schiebt, den Berg, auf dem es keine Pflanzen, kein Tier und kein Wasser gibt, weil er jedem Leben feindlich ist.

an’Ha hat das Meer geschaffen, dessen Stürme jedes Boot auf das Ufer zutreiben, wo es an den Felsen zerschellt oder vom Urwald verschlungen wird, wenn es nicht genau den Platz der Menschen findet, das Meer, dessen Wellen jedes Boot zum Kentern bringen, wenn die Ruderer nur einen Augenblick in ihrer Aufmerksamkeit oder ihrer Kraft nachlassen, das Meer, dessen Raubfische jeden zerreißen, der von einer Welle aus seinem Boot gespült wird, das Meer, über dem plötzliche Unwetter aufkommen, bei denen die Boote vom Blitz zerschlagen oder vom Wirbelwind emporgerissen und zerschmettert werden, das Meer, dessen Wasser bei den großen Fluten den Platz der Menschen überschwemmt, und sie in den Urwald oder auf den Berg treibt, wo der Tod sie erwartet.

an’Ha hat die Menschen geschaffen. Er hat sie so geschaffen, dass sie in den Urwald eindringen können, den Berg besteigen können, das Meer befahren können, ohne den Urwald, den Berg oder das Meer bezwingen zu können, und an’Ha hat die Menschen so geschaffen, dass sie Schmerzen empfinden, wenn dabei ihre Körper zerstört werden, und dass sie Angst empfinden vor diesen Schmerzen und vor der Zerstörung. an’Ha hat den Menschen gegeben, was sie zum Leben brauchen, und er hat es ihnen weit im Meer, tief im Urwald und hoch auf dem Berg gegeben.

Aus dem Meer holen die Menschen die Fische, die sie fangen können, wenn sie von der Dämmerung bis Mittag mit aller Kraft hinausrudern, vier oder sechs Männer in einem kleinen Boot, dann die Netze werfen, weiter rudernd, um nicht abgetrieben zu werden oder zu kentern, und sie dann noch vor der Dunkelheit zurückkehren, um nicht in der Nacht an den Klippen zu zerschellen; wenn der Sturm, der nach Mittag zur Küste weht, ausbleibt, erreichen sie den Platz der Menschen nicht mehr, und noch kein Boot hat die Nacht auf dem Meer überstanden.

Aus dem Urwald holen die Menschen das Holz, aus dem sie ihre Boote bauen, und die Bäume, deren Holz sich verwenden lässt, wachsen tief im Inneren des Waldes. Aus dem Urwald holen die Menschen die Lianen, aus denen sie die Seile flechten, aus denen die Netze gewoben sind, mit denen sie die Fische fangen, und diese Lianen wachsen nur an den feuchtesten Stellen, wo der Sumpf am gefährlichsten ist. Aus dem Urwald holen sie noch die Früchte und Wurzeln, die sie essen können, und von denen einige das tödliche Gift enthalten, ohne dass sich ihr Aussehen von den anderen unterscheidet. Wenn drei Männer durch den Urwald gehen, muss einer auf den Boden achten, und zwei müssen die tödlichen Tiere abwehren, dann können sie eine Strecke weit gehen, bis ein Dornengestrüpp den Weg verschließt; erst der Vierte kann eine Last tragen, und je mehr sie sind, desto gefährlicher wird der Boden, und desto mehr Tiere locken sie an, und wer in den Sumpf einsinkt, dem zerfressen die im Boden lebenden Würmer das Fleisch, bevor seine Gefähren ihn wieder herausziehen können.

Aus dem Berg holen die Menschen das Erz, aus dem sie das harte und das weiche Metall gewinnen, und aus dem harten Metall machen sie die Messer und Äxte die alleine es ihnen möglich machen, in den Urwald einzudringen, das Dickicht zu zerteilen, die Tiere abzuwehren, und die Holzbäume umzuhauen; aus dem Metall machen sie auch Nägel, Hämmer, Zangen, Bohrer, Sägen und anderes Werkzeug, das sie benötigen, um ihre Boote zu bauen. Die Steine, die das Erz enthalten, liegen verstreut unter all den anderen Steinen, und ein Mann kann mehrere Tage klettern, bis er an eine Stelle gerät, wo er Erz findet, und dann kann er nur einen Brocken mit zurück nehmen, und bis er wiederkehrt, hat ein Felssturz das Erz verschüttet, oder ihn selbst treffen Steine und zerschlagen seine Knochen, so dass er liegenbleiben muss, bis er verdurstet.

an’Ha hat alles geschaffen, was Schmerzen zufügen kann, und er hat das Leben geschaffen, damit etwas da ist, diese Schmerzen zu erleiden, und die Menschen sind die Krönung seines Werkes, weil sie die größten Schmerzen erleiden können von all seinen Geschöpfen. an’Ha lässt die Felsen auf die Männer stürzen, die das Erz suchen, er lässt die Sümpfe die Männer verschlingen, die das Holz bringen, und er lässt das Meer die Männer ertränken, die nach den Fischen rudern, wenn die Schmerzen, die er sieht, ihm nicht genügen. Wenn es aber kein Erz, kein Holz und keine Fische gibt, dann verhungern die Menschen, und für an’Ha gibt es keine Schmerzen mehr; darum muss an’Ha stets genügend Schmerzen sehen, so dass er die Männer auf dem Berg, im Urwald und auf dem Meer verschont, und so besteht zwischen an’Ha und den Menschen der heilige Pakt. Die Woche hat sieben Tage, und jeden Tag hat an’Ha nach dem benannt, wodurch die Ausgewählte Schmerzen erleiden soll.

Der erste Tag ist der Tag der Dornen: sie wird auf Dornenmatten geworfen und mit Dornenruten geschlagen, und ihr Leib wird mit Dornen umwickelt, bis ihre Haut darunter nicht mehr zu sehen ist. Der zweite Tag ist der Tag der Stricke: sie wird an den Armen und Beinen gebunden und auseinandergezogen, bis ihre Gelenke zerdehnt sind, um ihre Brüste werden Schlingen zusammengezogen bis sie drohen zu platzen, endlich bleibt sie so geschnürt liegen, dass die Stricke alle ihre Glieder ausgerenkt halten. Der dritte Tag ist der Tag der Nägel: die Nägel werden ihr durch den Leib geschlagen, so dass sie die Knochen durchstoßen, durch alle Glieder, die Schultern, die Hüften, bis die Knochen zerspringen. Der vierte Tag ist der Tag der Steine: sie liegt mit ihrem Rücken auf einem Bett aus Steinen, Steine werden auf sie geworfen, auf ihre Glieder aber auch zwischen ihre Beine, auf die Brüste und auf den Bauch, und ein Steinehaufen wird über ihr aufgeschichtet, unter dem sie die Nacht verbringt. Der fünfte Tag ist der Tag der Zangen: die Nägel werden ihr von den Zehen und den Fingern gerissen, die Zähne aus dem Mund, die Spitzen von ihren Brüsten, und die Brüste von ihrem Leib. Der sechste Tag ist der Tag der Feuer: sie wird auf glosendes Holz gelegt, ihre Wunden werden ausgebrannt, und ein brennendes Holzscheit erhält sie in ihre Scheide. Der siebente Tag schließlich ist der Tag der Messer, und der Vollendung: ihr Leib wird geöffnet, damit an’Ha in ihr Inneres sehen kann, dann wird sie auf die große Felsspitze getragen, und von dort, wenn an’Ha zufrieden ist, kann sie sich mit der letzten qualvollen Anstrengung ihres zerrissenen, zerbrochenen und zerschnittenen Körpers ins Meer, in den Urwald oder auf die Steine stürzen, um ihre Schmerzen zu beenden.

Dann wird das weiche Metall, das rötlich in der Sonne glänzt, ans Ufer gebracht, wo es in der Nacht die Fremden holen, und wenn an’Ha zufrieden ist, dann gibt er es, dass diese Fremden keine Menschen töten, bevor sie gehen. Wenn aber an’Ha nicht zufrieden ist, weil er den Körper und den Geist der Menschen so geschaffen hat, dass sie mehr Schmerzen erleiden können, als die Ausgewählte erlitten hat, oder wenn ihr Körper falsch behandelt wurde, so dass ihr Leben zu Ende war, bevor sie alle Schmerzen erlitten hat, oder gar, wenn sie nicht bereitwillig und dankbar gelitten hat, dann lässt an’Ha im Urwald die Dornensträuche wuchern, dann lässt er die Stricke reißen, dann lässt er die Nägel das Holz zersplittern, dann lässt er die Steine herabstürzen, dann lässt er die Zangen zerbrechen, dann lässt er die Feuer erlöschen, dann lässt er die Klingen der Menschen stumpf werden, wenn er die Fremden schickt, die Menschen zu töten. an’Ha, der alles geschaffen hat, den Urwald, die Felsen, das Meer und die Menschen, hat alle Dinge nach ihrer Art geschaffen.

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Das ist die heilige Schrift des Volkes der n’Har, die hier zum ersten Mal in einer Übersetzung veröffentlicht wird. Ihr Original befindet sich in unserem Nationalmuseum; mit glühenden Eisenstiften wurden die Schriftzeichen, die sich noch stark an eine Bilderschrift anlehnen, in die Rinde eines Baumes gebrannt. Es war der einzige Baum, der innerhalb des „Platzes der Menschen“ stand, und der den n’Har als heilig galt. Er befand sich im Zentrum der kreisförmigen Ansiedlung von ebenerdigen, aus roh behauenen Steinen zusammengefügten Häusern, die von etwa tausend Menschen bewohnt war.

Wenn auch einige Stellen der Schrift nicht mehr lesbar sind, und die Interpretation einiger Schriftzeichen mit Unsicherheiten behaftet ist (zum Beispiel könnte, wie archäologische Funde nahelegen, das hier mit „Mann“, „Männer“ bzw. „er“ übersetzte Zeichen auch Frauen einschließen, die sich an den beschriebenen Aktivitäten beteiligen), und auch andere Fragen noch offen sind, so kann der hier vorgelegte Text aber jedenfalls als bedeutendes authentisches Zeugnis der Kultur eines Volkes gelten, das interessante spezifische Lösungen seiner spezifischen Lebensprobleme hervorgebracht hat. Zu den offenen Fragen gehört beispielsweise, wer die „Fremden“ waren, denen die n’Har Tribut in Gold geleistet haben, aber auch, wie oft die beschriebene Zeremonie stattgefunden hat – jede Woche? einmal im Jahr? zu bestimmten Daten, oder aus bestimmten Anlässen? Hat es sie tatsächlich in der beschriebenen Form gegeben, wofür manche Forscher vermuten Beweise gefunden zu haben, oder handelt es sich hier um eine Überlieferung aus mythologischer Vorzeit? Wir wissen es nicht, und die n’Har selbst, welche die Kämpfe, die der Entdeckung ihres Gebietes folgten, nicht überlebt haben, können uns keine Antworten mehr auf unsere Fragen geben; wir können aber zuversichtlich sein, dass die weitere wissenschaftliche Arbeit, die wir mit ebenso viel Fleiß wie Findigkeit vorantreiben, unser Wissen über dieses Volk und seine Lebensweise vervollständigen wird.

(ca. 1975, geringfügig überarbeitet 12/2022)

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